Ultimative Bestrafung

Die Art, wie ich meinen Hund ausbilde wurde von mehreren Menschen (und Hunden, natürlich) geprägt. Einer von ihnen ist Ivan Balabanov, ein Bulgare, der nach mehreren Jahren in Europa letztlich in Amerika sesshaft geworden ist. Dort betreibt er erfolgreich eine Malinois-Zucht (Zwingername: Ot Vitosha) und eine Hundeschule. Mehrmals wurde er Einzel- und Mannschaftsweltmeister verschiedener Verbände für die USA. In den Links findet man seine diversen Websites gleich mehrfach. Ich durfte ihn im August 2009 während eines Seminars in Süddeutschland persönlich kennenlernen.

Zusammen mit Karen Duet (von K9) hat er ein Buch geschrieben mit dem bezeichnenden Titel “Advanced Schutzhund”, das für mich inzwischen einer der Hauptimpulsgeber bei der Ausbildung meines Hundes Arthos geworden ist. Ich bin gerade dabei, dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen. Ein Kapitel darin behandelt die “Ultimative Bestrafung”.

Wenn Sie sich nun fragen, was Strafe mit “Sanftem Hundetraining” zu tun hat, dann lesen Sie bitte, was Ivan dazu zu sagen hat:

Die Ultimative Bestrafung

Im Schutzhund-Training arbeitet der Hund normalerweise in einer sehr hohen Trieblage, was die Möglichkeiten, ihn zu kontrollieren, stark einschränkt. In solchen Momenten setzen viele Trainer dann physische Einwirkung und Korrekturen ein, um das gewünschte Verhalten zu erreichen. In unserer Ausbildungsarbeit haben wir herausgefunden, das physische Korrektu­ren Meideverhalten bei den meisten Hunden verstärkt und auch eine andere Verhaltenswei­sen, die wir eigentlich gar nicht ändern wollen, negativ beeinflusst.

Obwohl elektronische Schock-Halsbänder im Schutzhundtraining weit verbreitet sind, möch­ten wir vor deren Gebrauch nachdrücklich warnen. Das Risiko, so ein Halsband an einem Hund zu verwenden, der absolut negativ und verstört darauf reagiert oder es gar fehlerhaft anzuwenden, ist doch ziemlich groß. Solche Geräte gehören ausschließlich in die Hände von Profis, die ganz genau wissen, wann und wie sie einzusetzen sind.

In jedem Falle sind physische Korrektureinwirkungen weniger effektiv als das Vorenthalten von Belohnungen. Wie wir bei unseren Arbeitsmethoden in Kapitel 4 (Motivations-Techniken) beschrieben haben, verwenden wir, wo immer möglich, das Vorenthalten von Belohnung als Strafe. Der Hund soll sich dann nicht auf Hilfestellung durch den Hundeführer verlassen, sondern muss selbst nachdenken und herausfinden, wie er diese Situation am besten meis­tern kann. Wie es nicht geht, merkt er sowieso. Dies ist eindeutig die nachhaltigere Strategie um ihm das korrekte, gewünschte Verhalten nahezubringen.

Ganz offensichtlich besteht ja die beste Belohnung für einen Hund während des Schutz­dienstes im Kampf mit dem Helfer und dem Erringen des Schutzarmes. Um dem Hund zu verdeutlichen, dass er einen Fehler gemacht hat, behalten wir ihm seine ersehnte Belohnung – den Schutzarm – vor. Wir wenden viel Zeit auf, um dem Hund klar zu machen, dass kein Kampf um den Arm stattfindet und die Übung vorbei ist, wenn der Helfer diesen auf den Bo­den fallen lässt. Der Hund wird erkennen, dass die Aktion vorbei ist, wenn der Arm auf dem Boden liegt. Er muss auch erkennen, dass es ein Fehler wäre, ihn dann noch schnappen zu wollen. Vielmehr muss der Hund jetzt alternative Vorgehensweisen ausprobieren, um doch noch zum Erfolg zu kommen.

Wir nennen diese Technik „ultimative Bestrafung“, weil es die schlimmste Strafe für Hunde im Schutzdienst ist. Wenn der Hund erst einmal verstanden hat, wie diese „ultimative Strafe“ wirkt, kann man sie natürlich als Korrektiv auch bei anderen Schutzdienstübungen, bei de­nen er Fehler macht, einsetzen.

So wendet man die „Ultimative Bestrafung“ an

Dem Hund beizubringen, wie er am besten auf die „Ultimative Bestrafung“ zu reagieren hat, sollte in einer gut vorbereiteten Umgebung stattfinden. Der Hund sollte im Brustgeschirr mit einer langen Leine an einem Pfosten angebunden sein. Auf Gehorsamskommandos sollte er außerdem schon gut hören, denn sie im jetzt beizubringen geht natürlich nicht. Erinnern Sie sich: Sie versuchen, ihrem Hund dabei zu helfen, herauszufinden, wie er sich korrekt verhält. Es wird sicher eine Weile dauern, bis er von sich aus „um Hilfe fragt“ – noch ist er voll und ganz damit beschäftigt, zu bellen, zu ziehen und zu zerren, um zuerst einmal zum Helfer zu ge­langen.

Bringen Sie den Hund etwa fünf Schritte vor dem Ende der langen Leine ins „Sitz“ und stel­len Sie sich neben ihn. Der Helfer steht in „neutraler“ Haltung etwa ein bis zwei Schritte au­ßerhalb der „Eintrittszone“ (das ist der Bereich, in dem der Hund ihn trotz Leine gerade noch erreichen kann). Sollte der Hund versuchen, sein „Sitz“ zu verlassen, weil er den Helfer sieht, hindern Sie ihn nicht daran – lassen Sie’s ihn versuchen. Die lange Leine wird ihn zurück­halten, ehe er in den Schutzarm oder den Helfer einbeißen kann.

Wenn der Hund sein „Sitz“ verlässt, lässt der Helfer den Schutzarm fallen – aber nicht direkt vor den Hund, sondern er wirft den Arm ein paar Schritte seitlich weg und geht dann ruhig beiseite. Bei dieser Aktion passiert folgendes: Um sein Triebziel zu erreichen, gehorcht der Hund dem „Sitz“-Befehl nicht – und kommt trotzdem nicht zur Selbstbelohnung.

Der Helfer bleibt entspannt (keinesfalls „aktionsbereit“) dort stehen, wo er hingegangen ist, der Schutzarm liegt weiter auf dem Boden. Während der Hund nun wahrscheinlich hektisch vor- und zurückspringt, bellt und ziehend versucht an den Schutzarm zu gelangen, sollte man ihn nicht daran zu hindern versuchen. Der Hund steht gerade so hoch im Trieb, dass er sowieso jeden Befehl ignorieren würde. Und er ist noch nicht so weit, dass er den Hundefüh­rer um Hilfe bei der Lösung dieses Dilemmas bittet. Achten Sie lediglich darauf, dass der Hund sich nicht selbst verletzt oder in der Leine verheddert bei seinem vergeblichen Mühen, halten Sie die lange Leine hoch und weg von ihm.

Je nach Hund kann es nun eine Weile dauern, bis dieser aufgibt und seine Bemühungen einstellt. Auch wenn das lange dauern sollte, müssen Sie geduldig abwarten. Diese Hart­näckigkeit und Zähigkeit ist ja ein erwünschtes Verhalten unseres Hundes im Schutzdienst und wir sollten es keinesfalls unterbinden. Er zeigt damit seinen Drang zu kämpfen.

Früher oder später kommt schließlich doch der Moment, wo die Fragezeichen über dem Hundekopf deutlich zu erkennen sind. „Was passiert denn hier?“ fragt er sich wahrscheinlich gerade. Dies ist der Moment zum Eingreifen: Wiederholen Sie das „Sitz“- oder „Fuß“-Kom­mando. Das Kommando müssen Sie gar nicht übermäßig nachdrücklich geben, eher mit dem Tenor „Möchtest du nicht doch Sitz machen?“. Denken Sie daran: Sie möchten ihrem Hund helfen – und ihn nicht zu etwas zwingen, was er eigentlich gerade überhaupt nicht will.

Typischerweise wird der Hund in dem Moment, wo er ihre Stimme hört, sofort wieder versu­chen, sein Triebziel, den Helfer, zu erreichen – ohne über ihren Befehl auch nur nachzuden­ken. Lassen Sie ihn sich erneut abreagieren. Sie werden sehen, nach einer Weile wird er wieder frustriert und irritiert aufgeben. Vielleicht nimmt er jetzt kurz Blickkontakt mit ihnen auf, vielleicht überlegt er auch nur, was er jetzt noch unternehmen könnte. Dies ist der Mo­ment, wo Sie ihm erneut mit einem ruhigen „Sitz“ oder „Fuß“ Hilfe anbieten sollten.

Es ist nicht besonders wichtig, welches Kommando Sie verwenden, solange Sie es bei dem einen belassen. Mehrfachkommandos wären kontraproduktiv. Das Ziel dieser Vorgehens­weise ist, dem Hund klar zu machen, dass er nur über den Gehorsam die von ihm ersehnte Aktivität, den Kampf, erreicht. Darum sollten Sie in diesem Stadium unbedingt nur Befehle geben, die der Hund außerhalb des Schutzdienstes schon sehr gut befolgt.

Vielleicht gehorcht der Hund jetzt ihrem Befehl. Dann muss der Helfer sofort den Schutzarm wieder aufnehmen und überstreifen und Sie müssen den Befehl zum Beißen geben. Wenn das ihrem Hund Spaß macht, kann der Helfer noch ein wenig mit ihm kämpfen – allerdings ohne „weiteres Öl ins Feuer zu gießen“. Der Hund ist in diesem Moment immer noch ziem­lich frustriert – aber dennoch oder vielleicht genau deswegen ausgesprochen arbeitswillig. Nach kurzem Spiel schenkt der Helfer dem Hund den Schutzarm und geht beiseite.

Ein paar Momente darf sich der Hund nun mit der gewonnen Beute beschäftigen, wenn ihm das Spaß macht. Danach bringt man den Hund am Ende der langen Leine ins „Sitz“ oder „Platz“ und transportiert den Arm zurück zum Helfer. Natürlich ist der Hund – er ist ja nach wie vor ausgesprochen „triebig“ – versucht, in dem Moment, wo man den Arm aufnimmt, um ihn zurückzubringen, sein „Sitz“ oder „Platz“ zu verlassen und dies zu verhindern. Falls das passiert, lassen Sie sofort den Arm fallen und gehen ein paar Schritte beiseite, bis sich ihr Hund ausgetobt hat. Dieses Wechselspielchen müssen Sie notfalls so lange wiederholen, bis der Hund im „Sitz“ oder „Platz“ verharrt, wenn Sie den Schutzarm zum Helfer zurück bringen.

In dieser Phase darf man sich nicht frustrieren lassen oder versuchen, etwas mit Gewalt zu erreichen. Selbst, wenn man schon hin und wieder den Arm zum Helfer zurück bringen kann, ohne dass der Hund ungehorsam ist, kann er schon beim nächsten Versuch wieder auszu­brechen versuchen. Dann legt eben der Helfer den Arm wieder auf den Boden und der Hun­deführer entfernt sich ebenfalls wieder. Sobald der Hund sich dann wieder beruhigt hat, „bit­tet“ man ihn erneut, „Sitz“ oder „Platz“ zu machen. Klappt alles, wird er sofort durch das Kommando zum Angriff belohnt, wobei der Helfer vorher den Arm schon wieder übergestreift haben muss. Es folgt ein kurzer Kampf und der Hund bekommt den Arm wieder geschenkt.

Will man auf Dauer Fortschritte erzielen, muss dieser gesamte Übungsablauf mehrfach wie­derholt werden: Gehorsamskommando > Arm zum Helfer bringen > zurück zum Hund > er­neutes „Sitz“ oder „Platz“ > Belohnung (Befehl zum Angriff) > kurzer Kampf.

Die ersten paar Sitzungen werden den Hund total frustrieren (und Sie wahrscheinlich auch!) – aber schon bald erkennt man Änderungen im Verhalten seines Hundes. Sobald der Schutzarm niedergelegt wird, schaut der Hund sich wahrscheinlich hilfesuchend nach sei­nem Hundeführer um oder er bietet von sich aus (ohne direkten Befehl) die Ausführung ir­gendeines Gehorsamskommandos an. Dies ist ein Beleg dafür, dass er das Ablegen des Arms als eine Art Strafe verstanden hat. Noch wichtiger! Er hat gelernt, wie er darauf reagie­ren muss: mit der „Bitte“ nach einem erneuten Versuch. Jetzt kann man damit beginnen, den Übungsablauf zu verfeinern. Schon bald wird der Hund nämlich freiwillig zu seinem Hunde­führer zurück gehen, wenn seine Belohnung auf dem Boden liegt.

Wenn die Übung klappt, kann die „Ultimative Bestrafung“ in allen Übungseinheiten im Schutzdienst, die die Unterordnung des Hundes voraussetzen, eingesetzt werden. Beispiel: Der Hund lässt beim Revieren ein Versteck aus und startet direkt zum Helfer – dann legt der sofort den Arm ab und entfernt sich von ihm. Automatisch sollte der Hund jetzt zum Hunde­führer zurückkehren, um einen neuen Versuch zu bekommen.